Impressionen von der dOCUMENTA14

Impressionen von der dOCUMENTA14

Die Schönheit und die Wahrheit schlendern über die documenta wie ein altes Ehepaar. Schweigend. Denn sie haben sich nichts mehr zu sagen. Gestern habe ich die wahrscheinlich weltweit wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst besucht, die soeben eröffnete documenta14 in Kassel. Das Fazit vornweg: die documenta ist absolut sehenswert, weil sie ein Dokument ist. Ein eindrückliches, bis ins kleinste Detail perfekt arrangierte Dokument dafür, wie Kunst sich heute versteht. Und weil die Künstler die Propheten des Säkularen sind, kann man an der Kunst auch ziemlich vieles ablesen. Hier stichpunktartig einige Beobachtungen:

  1. Die documenta ist eine sehr politische Veranstaltung. Man kann dieser Kunst allerhand vorwerfen, das eine aber nicht: dass ihr die reale Welt egal ist. Im Gegenteil: die Realität ist so erdrückend allgegenwärtig, dass man fast fragen kann, wo denn die Schönheit geblieben sei. Schönheit ohne Wahrheit produziert Kitsch. Kitsch gibt es auf der documenta sicher nicht, allerdings mitunter solche Konzeptlasten hinter jedem einzelnen Kunstwerk, dass alles etwas verkopft wirkt. Der Reader zur documenta ist etwa 700 Seiten dick. Er enthält fast nur Text, kaum Bilder. Das sagt einiges.
  2. Die politische Ausrichtung der documenta ist klar: der große Feind der Menschheit ist der Kapitalismus, die kriegstreibende Maschine des westlichen Imperialismus und die weißen Männer. Die Moderne wird verstanden als Abschied von den einfachen Machtverhältnissen. „Being safe is scary“ prangt als Überschrift in einem klassizistischen Giebel und gleich daneben in Regenbogenfarben und auf Deutsch, Arabisch, Äthiopisch etc.: „Wir (alle) sind das Volk.“ Im Reader erklärt der künstlerische Leiter der documenta Adam Szymczyk programmatisch: „Die alte Welt basiert auf Begriffen der Zugehörigkeit, der Identität und der Verwurzelung. Unsere stets neue Welt wird eine Welt der radikalen Subjektivitäten sein.“ Also ist die Suche nach Ursprung und Identität nur das Relikt aus einer früheren Zeit, das „uns in einem Zustand des Elends“ hält (documenta Reader 33). Irgendwie kann einem da schon ganz anders werden. Jedenfalls ist die relativistische Ideologie der Postmoderne selten so klar formuliert worden.
  3. Die ausgestellten Kunstwerke sind durchwegs originell, oft überraschend, häufig eindrucksvoll, nicht selten schockierend, es handelt sich wirklich um große, perfekt ausgewählte und meisterhaft präsentierte Kunst. Sie ist aber selten unbeschwert und selten einfach schön. Ich hab den Eindruck, dass unsere Zeit sich mit der Schönheit und dem kindlich-fröhlichem Spiel schwertut. Die Postmoderne ist ziemlich nachdenklich. Und dabei oft weder schön, noch gut gelaunt.
  4. Die teilweise bizarr nüchterne, teilweise auch hässliche Kunst steht mitunter in einem schreienden Kontrast zu den Räumen, in denen sie präsentiert wird. Klassizistische Pracht als Kulisse für eine Installation von Beuys. In einem Raum der Orangerie wird dieser interessante Gegensatz aufgebrochen. Inmitten all der dekonstruierten Selbstverständlichkeit läuft in einem komplett dunklen Raum ein Film, in dem nichts weiter passiert, als dass man orthodoxe Mönche engelsgleich singen hört. Es ist, als träte man in eine Sphäre überirdischer Schönheit. Gerade die Liturgie ist es, die auf einmal von Ordnung, Ruhe und Wärme zeugt. Die Besucher blieben lange sitzen und wagten nicht, laut zu sprechen. Da war wieder alles vereint und fand zur Ordnung zurück: die Schönheit, die Wahrheit und das Gute. Vielleicht hat Dostojewskij recht, wenn er sagt, dass am Ende die Schönheit die Welt retten werde. Es würde mich nicht wundern, wenn es die Schönheit zu Gott singender Menschen wäre.