500 Jahre Reformation – ein paar Gedanken

500 Jahre Reformation – ein paar Gedanken

 

  1. Natürlich war sie notwendig.
    Sorry, liebe Katholiken, aber der Hinweis, dass sich dadurch ja alles mögliche nicht zum besseren geändert habe oder die katholische Kirche all das eigentlich ja auch schon immer gewusst habe, verleugnet etwas Offensichtliches. Und zwar: wenn das, was Luther betonte, tatsächlich nichts Neues oder etwas schlicht Überflüssiges gewesen wäre, dann hätte es sich nicht so explosiv verbreitet. Man muss sich das mal vor Augen halten. Ein frommer Katholik, ein Mönch, ja gar ein Theologe noch dazu stolpert über die Aussage, dass die Errettung aus Gnade und durch den Glauben geschieht – und erachtet das als lebensverändernde Entdeckung! Katholiken im 15. Jahrhundert war die Grundaussage des Evangeliums über weiteste Strecken hinweg nicht bekannt und sie hatten keinen Zugang zur Heiligen Schrift in ihrer Sprache zur eigenen Lektüre. Ich sage nicht, dass das, wie die Reformation verlaufen ist, optimal war. Doch ihr Grundanliegen war unvermeidlich und deshalb auch notwendig.
  2. Kirchenspaltung ist schrecklich.
    An diesem Jahrestag gibt es auch wirklich viel zu trauern. Dass die Kirche des Westens nach fast 1500 Jahren ihre Einheit verlor und seither nie wieder mit einer Stimme gesprochen hat, das ist ein Desaster, das sich fast nicht in Worte fassen lässt. Theologische Streitpunkte hat es in der Kirche immer gegeben. Doch Kirchenspaltung ist vielleicht noch schlimmer als Irrlehre. Denn solange man in einer Kirche miteinander spricht und um die Wahrheit ringt, kann Irrlehre auch korrigiert werden. Wenn sich die Wege erst einmal endgültig getrennt haben, werden die lehrmäßigen Gegensätze betoniert. An der Kirchenspaltung haben definitiv beide beteiligten Seiten Mitschuld. Die katholische Fraktion wahrscheinlich die größere. Man hat Luther anfangs nicht ernst genommen, ihn dann bekämpft. Als man schließlich reden wollte, war die Erde schon verbrannt.
  3. Dämonisierung.
    Schon wenige Jahre nach dem Wittenberger Thesenanschlag haben Christen andere Christen totgeschlagen. Später hinterließ der Dreißigjährige Krieg eine Schneise der Verwüstung, die Europa das lehrte, was heute die meisten glauben: dass Religion Krieg bringt und man auch nur mit Hilfe der Vernunft ein guter Mensch sein kann. Ich staune über die Bereitschaft heutiger Christen, andere Christen als „verblendet“, „abgefallen“ und schlimmeres zu bezeichnen. Die Dämonisierung des Gegenüber erspart meistens die mühsamere inhaltliche Auseinandersetzung. In der Reformationszeit setzte das auch bald ein. Herrschte auf Seiten der Reformatoren im „Augsburger Bekenntnis“ (1525) noch ein Geist des Dialogs, schreibt Luther schon wenige Jahre später, das Papsttum sei vom Teufel selbst gestiftet, die katholischen Theologen von Dämonen verblendet etc. Genauso das katholische Lutherbild, Hier sieht man keinen Christen mehr, dem es um Jesus geht, sondern nur noch einen zutiefst böswilligen Verführer. Kleiner Grundkurs für Kirchenspaltungen heute: nicht miteinander reden, beim anderen die schlechtesten Motive voraussetzen und ihn mit dem Label „Irrlehrer“ versehen, egal, ob man eigentlich weiß oder gar verstanden hat, was das theologische Anliegen ist.
  4. Bleibende Bedeutung.
    Das Grundanliegen der Reformation ist bleibend wichtig. Und nein, Luther ging es nicht in erster Linie darum, dass nun wirklich jeder das Recht hat, die Schrift ganz genau so auszulegen, dass es ihn in seiner persönlichen Lebensgestaltung auch kein bisschen mehr stört. Sondern das erste und wichtigste Anliegen war die Entdeckung der Errettung aus Gnade durch den Glauben. Diese Grundbotschaft: dass der Mensch nämlich nicht durch Gutsein in den Himmel kommt, sondern durch das Blut Jesu, ist nicht nur den meisten Menschen sondern auch den meisten Katholiken noch unbekannt. Dass nicht nur Pfarrer oder Theologen einen geistlichen Auftrag haben, sondern sich Reich Gottes am Arbeitsplatz und im Alltag ausbreitet: auch das ist sehr vielen Christen unbekannt. Als Katholik sage ich: es gibt Grundanliegen der Reformation, die die meisten Katholiken dringend selbst erst einmal verstehen und anerkennen müssten. Zu viele Katholiken lesen alles mögliche, kennen die Schrift aber nicht. Zu viele sprechen zu viel über Heilige und kirchliche Riten, doch zu wenig über Jesus. Zu viele sind in einer frommen Leistungs- oder Selbstgerechtigkeitsmentalität gefangen, die von der Kraft des Kreuzes Jesu kaum was ahnt. Zeit, den Römerbrief zu lesen!
  5. Kind mit dem Bade.
    Ich bin mir relativ sicher, dass der gute alte Dr. Martin relativ schockiert wäre, wenn er die lutherische Kirche von heute sähe. Neben einem positiven Grundanliegen gibt es neben auch Grundprobleme, die in der Reformation von Anfang an da waren. Jedes dieser Anliegen kann zur eigenen Karikatur werden. Hat man erst einmal jeden ermächtigt, die Bibel für sich auszulegen, wird es schnell unmöglich, zu urteilen, was noch eine echte Auslegung und was eine Verdrehung der Schrift ist. Welche Instanz sollte darüber urteilen? Deshalb bringen lehrmäßige Unterschiede im Protestantischen so oft neue Kirchenspaltungen hervor. Luther wollte die Kirche reformieren, nicht alles abschaffen, was er vorfand. Kleine Frage zur Gewissenserforschung für Protestanten: welche „katholisch“ aussehenden Elemente lehnen wir heute radikaler ab, als Luther sie hätte? Welche lehnen wir nur ab, weil sie uns unvertraut geworden sind? An vielen Stellen (Dogmatik, Liturgie, Wertschätzung des Abendmahls, Ämterverständnis…) scheint mir das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und Wertvolles verloren worden zu sein.
  6. Europe Shall Be Saved.
    Doch dafür brauchen wir alle Spieler auf dem Rasen. 500 Jahre nach der Reformation gibt es immer noch viele Dinge, die Katholiken und Protestanten nun einmal unterschiedlich sehen. Alles klar, Ihr könnt Euch auch noch 500 Jahre weiter streiten und „verblendete Irrlehrer“ schimpfen. Ich hab einen anderen Vorschlag: wir fangen mal damit an, das miteinander zu tun, was wir gemeinsam tun können. Zum Beispiel: dieser Welt von Jesus erzählen. Miteinander beten. Einander lieben. Die Grundbotschaft ist nämlich genau die gleiche. Und weißt Du was? Das allerletzte, das diese zersplitterte und verwirrte Welt braucht, sind Christen, die ihre Energie darauf verschwenden, die Haare in des anderen Suppe zu suchen. Wir haben einen Job. Wir haben eine lebensverändernde Botschaft. Luther hat viel davon verstanden. Danke Martin, auch wenn wir nicht alle Deiner Fehler wiederholen müssen. Wir haben was zu tun.

    Ein paar weiterführende Gedanken hier: https://shop.gebetshaus.org/vortraege/donnerstag-abend/5615/reformation-20xx