China: Eindrücke aus Erweckung und Verfolgung

China: Eindrücke aus Erweckung und Verfolgung

In den letzten Tagen hab ich ja viel von Pandas, Grüntee und Tempeln gepostet. Doch zusätzlich hatte ich in China die Gelegenheit, an verschiedenen Orten Christen kennen zu lernen, die ihren Glauben in einer der vielen freichristlichen Hauskirchen leben. Die Entwicklung in China ist allgemein so rasant und von Region zu Region verschieden, dass generelle Aussagen über die Riesennation immer schwierig sind. Und nähere Details oder Fotos kann ich aus Sichterheitsgründen auch nicht weitergeben. Als Momentaufnahmen sind die folgenden Beobachtungen eines Reisenden vielleicht dennoch interessant. Das Wachstum des Christentums in China ist unaufhaltsam. Praktisch täglich entstehen neue Untergrundkirchen, rein statistisch wird China in einigen Jahren das bevölkerungsreichste christliche Land der Erde sein. Man geht davon aus, dass bereits jetzt weit über 100 Millionen Chinesen Christen sind. Und das bedeutet: sie wurden es zumeist in den letzten Jahren. Besucht man eine der illegalen Hauskirchen, trifft man dort praktisch ausschliesslich Christen der ersten Generation. Diese Entwicklung ist an sich schon erstaunlich. Dass sie in dem Land der brutalen maoistischen Kulturrevolution stattfindet, dass sich aggressiver als die meisten anderen Regime anschickte, jede Spur von Religion zu vernichten, grenzt an ein Wunder. Nach den Jahren des Hungers erreichten die Chinesen in den letzten Jahrzehnten eine zuvor undenkbare Steigerung des Lebensstandards. In chinesischen Grossstädten sah ich mehr BMWs und Mercedes der Oberklasse als etwa in München. Einer der Gründe für die religiöse Offenheit der Chinesen ist der spirituelle Hunger, den viele jetzt spüren, nachdem es ihnen materiell besser geht als je zuvor. Denn der Mensch lebet eben nicht vom Brot allein. Hört ein Chinese das Evangelium, einladend und im Stil eines persönlichen Zeugnisses aus dem Mund eines Bekannten, so ist es mehr die Regel als die Ausnahme, dass er sich dafür interessiert. Es ist erfrischend zu hören, wie erfrischend und attraktiv die Botschaft Jesu für viele ist, die noch nie etwas davon gehört haben. So berichtete mir ein Ehepaar, sie haben zum Glauben gefunden, nachdem ihr 5-jähriger angefangen habe, die Bibel zu lesen, die ihm jemand geschenkt hatte. Sie wurden einfach von der Wahrheit ins Herz getroffen. Einige meiner dortigen Freund missionieren im streng buddhistischen Tibet. Einer der buddhistischen Äbte war vom Glaubenszeugnis der Christen so angetan, dass er 8 seiner Mönche zu den Missionaren schickte, damit er sie als Christen ausbilde, da er bemerkte, dass die Christen allesamt so gute Menschen sind. Das Evangelium breitet sich in Asien rasant aus und der Aufbruch in China ist tatsächlich unaufhaltsam. 

Natürlich gibt es auch Verfolgung. Das genaue Ausmaß ist nicht so leicht überschaubar. Ich war zunächst davon erstaunt, wie furchtlos viele Christen sind. Ich lernte zwei chinesische Missionare kennen, die regelmäßig in die Region gehen, die als gefährlichste in China gilt. Doch sie meinten, eigentliche Verfolgung hätten sie noch nie erlebt, man müsse halt nur ein bisschen aufpassen. Und jetzt sei die beste Zeit, dort hin zu gehen, weil die Herzen so offen seien. Eine andere junge Chinesin berichtete mir, mit 200 anderen Christen verhaftet und verhört worden zu sein. Man habe sie wieder frei gelassen mit der strengen Auflage, nie wieder in besagte Hauskirche zu gehen. Doch am nächsten Sonntag hätten sich dort noch viel mehr als zuvor versammelt. Freilich hört man auch Berichte, dass Menschen ihre Häuser und Jobs weggenommen wurden, weil sie Hauskirchen bei sich beherbergt haben. Die Lage für die Christen spitzt sich momentan wieder zu, doch die Chinesen sind es allgemein gewöhnt, dass Repressalien durch die Regierung kommen und gehen und ich fand die chinesischen Christen furchtloser und weniger durch akute Verfolgung beeinträchtigt, als ich gedacht hatte. Freilich gewöhnt man sich auch eine ständige Haltung der Vorsicht an, man lernt einfach, etwas undercover zu agieren.    

Bei meinem Besuch traf ich ausschliesslich mit protestantischen Christen zusammen. Ihre Erfahrung jedoch kann auch für Katholiken und evangelische Landeskirchlicher eine interessante Lektion sein, die wir an die institutionelle Gestaltung des Glaubens gewöhnt sind. Denn die rasante Ausbreitung des Christentums dort ist untrennbar von dem Phänomen der Hauskirche: eines informellen Treffens bei jemandem zuhause. Das hat mir schon zu denken gegeben. Die Nachfolge Jesu scheint wirklich dann am besten zu funktionieren, wenn sie mit Gemeinschaft, Freundschaft und geteiltem Leben einhergeht. Die Mischung von persönlichem Glaubenszeugnis und intensiver Gebetsgemeinschaft in Privaträumen entwickelte ihre explosive Kraft paradoxerweise erst, als in den Jahren der Verfolgung Missionare des Landes verwiesen und offizielle Missionsaktivitäten verboten wurden. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass der Kampf gegen das Evangelium langfristig zu seiner Ausbreitung beitrug. Manchmal ist des Teufels scheinbar größter Sieg in Wahrheit seine Niederlage. In China habe ich eine missionarisch aktive Kirche erlebt. Eine leidensbereite und eine voller Gebetseifer. Der Verkauf von Bibeln ist derzeit wieder einmal verboten – umso mehr wird das Wort Gottes geliebt. Die Geheimtreffen sind nicht ohne Gefahr für die Besucher – umso kostbarer sind sie ihnen. Nichts wirkt belebender auf den Glauben als der Kontakt mit Christen aus Ländern der Verfolgung. In China fällt jedoch nicht in erster Linie die Verfolgung ins Auge, sondern die massenhafte Ausbreitung der Botschaft Jesu Christi. Sie ist eines der deutlichsten. Hoffnungszeichen der Gegenwart. So war es für mich ein unglaublich großes Privileg, diese Christen treffen und zu ihnen sprechen zu dürfen. Mich freut auch sehr, dass an etlichen Orten Gebetshäuser entstehen, zwei davon konnte ich besuchen. Gott tut etwas Gewaltiges. Und nichts, was in Asien möglich ist, ist in Europa unmöglich. In China kann man lernen, wie unverhorgesehene Veränderungen der Geschichte passieren. Und wir hier beten: Europe Shall Be Saved!