Der Zauber des Zweckfreien

Der Zauber des Zweckfreien

Der westliche Kulturimperialismus steht in seinem Zenit als der japanische Kunstforscher Kakuzo Okakura 1906 sein berühmtes „Book of Tea“ veröffentlicht und darin den Westen der völligen Unkenntnis des reichen geistigen Erbes Asiens bezichtigt. In feinen Zügen zeichnet der Autor an Hand der Tradition der Teezeremonie das, was das Japanische so grundlegend vom Westen unterscheide. Es sei der reine Kult des Schönen im ganz Einfachen. Der Westen sei in Progressismus erstarrt und habe seine innere Mitte im rasendem Streben nach Effizienz verloren. Die sicherlich idealisierende Gegenüberstellung hat noch 110 Jahre später etwas Anrührendes. Der in der einfachen Hütte im Bambushain zum leisen Murmeln des Bergbaches milde lächelnde Teemeister, der dem getriebenen Menschen der Moderne zuspricht: „Lasst uns vom Vergänglichen träumen und bei der wundersamen Torheit der Dinge verweilen.“ (13) Die Teezeremonie zelebriert etwas, das nicht nötig wäre: es wird einfach Tee getrunken, dies jedoch in Formvollendung. Sie ist zweckfrei. Der Gedanke der Zweckfreiheit ist alles andere als nebensächlich. Eine Handlung, die um ihrer selbst getan wird, einfach so, die sich dem Um-Zu entzieht, steht in sich selbst. Hier kommt etwas zur Ruhe. Obzwar der zitierte Autor Asiate ist, ist die Idee des Zweckfreien nicht Besitz eines bestimmten Kontinents. Dass gerade ein Japaner das „christliche Abendland“ daran erinnern muss! Lehrt ein Meister Eckehart nicht in seiner 1. deutschen Predigt eine Lebenshaltung, die alles nur um Gottes Lobe willen tut und jede weitere Absicht vergisst, „davon ungebunden wie das Nichts“? Ein Johannes vom Kreuz bezeichnet den Weg des Gebets als einen der Liebe, die alle äußeren Motivationen loslässt und nur noch ihr eigener Grund ist? Und schließlich Romano Guardini, der die Liturgie als heiliges, zweckfreies Spiel kennzeichnet, in dem sich der Sinn des Menschen erfüllt? Der Gedanke der Zweckfreiheit ist kein asiatischer. Er ist zutiefst christlich. Am sechsten Tag ruhte Gott und freute sich an seiner Schöpfung. Im Letzten ist die ganze Schöpfung nur, weil Gott sie wollte. Nicht, weil sie einen Mangel stillt, sie entspringt der reinen Freude dessen, der wollte, dass sie ist. Was heißt das für das Geschöpf? Auch die Ursache und Grundlage unseres Seins ist kein Zweck, erst recht kein innerweltlicher. Das Sein ist geschenkt. Menschliche Hybris der fromm scheinende Gedanke, man könne oder müsse Gott durch gutes Benehmen oder religiöse Leistung dafür entlohnen! Das Leben verdankt sich dem freien Willen dessen, der seine Sonne aufgehen lässt über Guten und Bösen (Mt 5,45). Und so ist der Dank die angemessene Reaktion des Geschöpfes. „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“, sagt die Beschenkte zum Rosenkavalier. Und sie spricht recht so, denn genau das kennzeichnet ein Geschenk: es wäre eben nicht nötig, es ist zweckfrei. Dass das Gebetsleben, dass die Liturgie und eigentlich jede Begegnung mit dem Schönen im Tiefsten zweckfrei ist, daran muss uns Westler vielleicht tatsächlich ein Japaner erinnern. Ist die Faszination, die für viele Europäer vom Zen ausgeht, nicht auch der Intuition geschuldet, dass ein völlig verzwecktes Leben kein echtes Leben sein kann? Buddhist muss freilich dafür niemand werden. Es genügt, die wahrhaft christliche Lehre vom Gebet, von der Liturgie und von der Allmacht Gottes wieder zu entdecken.

Ein zutiefst biblischer Gedanke. Wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt (Eph 1,12). Überflüssige Wesen, entsprungen dem zweckfreien Überfluss der Freude Gottes. Darauf kann man gerne einen Tee trinken. Oder freilich Champagner.