Die Realität der Auferstehung

Die Realität der Auferstehung

Die Realität der Auferstehung
Jesus ist auferstanden. Ach so. Also, ich mein – echt jetzt? „Darüber wollen wir dich ein andermal hören“. Nicht viele Sätze im Neuen Testament klingen so sehr nach dem Europa des 21. Jahrhunderts wie diese berühmte Reaktion der Zuhörer einer Predigt des Apostels Paulus. „Darüber wollen wir dich ein andermal hören“: dieses höfliche Abwimmeln. Dieses „na, das ist ja schön für dich, doch nun zu etwas Anderem“. Klingt das nicht höchst zeitgenössisch-vertraut? Du bist Christ? Schön für dich, doch für mich im Moment wenig relevant. Die klassische Antwort der Postmoderne auf den gläubigen Menschen ist selten die des offenen Widerstandes, sondern eine der völligen Gleichgültigkeit. Der eine pilgert nach Mekka oder umarmt Bäume im Wald, der andere eben glaubt an den Weihnachtsmann. Oder eben an Ostern und die Auferstehung.
Derweil hatte die Rede des Paulus auf dem Areopag so gut begonnen. Er wagte sich mitten hinein. In das Epizentrum der griechischen Kultur. Dorthin, wo die relevanten neuen Ideen diskutiert wurden. Und er bemühte sich, die Kultur seiner Zeit wahrzunehmen. Stichwort Anschlussfähigkeit, Relevanz und Zielgruppenorientierung. Er kennt sich sogar aus in der griechischen Literatur und zitiert einen ihrer Dichter. Es begann so gut. Wie kam die Wendung, die dazu führte, dass die Verkündigung in Athen eigentlich ziemlich wenig Früchte brachte?
Es hatte mit einem ganz bestimmten Thema zu tun, das Paulus anschnitt.
Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören. (Apg 17,32)
Die Auferstehung der Toten also, die war das Thema. Mit der Auferstehung hatte Paulus es ja ohnehin. Er behauptete, der Auferstandene sei ihm selbst erschienen. Die Auferstehung selbst sei sogar der entscheidende Punkt: gäbe es sie nicht, sei der ganze christliche Glaube sinnlos (1 Kor 15,17).
Und das etwas Beunruhigende daran: für Paulus war die Auferstehung keine Chiffre, kein ätherisches Hoffnungssymbol. Sie war ein reales, geschichtliches Ereignis. Ja, eines, von dem er ohne Zögern behauptete, mehr als 500 Augenzeugen seien noch am Leben (1 Kor 15,6).
„Darüber wollen wir dich ein andermal hören“ war die Antwort der philosophisch gebildeten Athener. Grundsätzlich waren sie ja sehr aufgeschlossen: eine neue Spekulation, eine alternative Theorie, eine exotische mystische Richtung… Was hatte ausgerechnet das Thema der Auferstehung an sich, dass es die Athener um das Jahr 50 n.Chr. so irritierte?
Und ist die heutige Zeit denn etwa anders? Welche Predigen wird man wohl wieder hören an den kommenden Festtagen. Davon, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Davon, dass nach jedem Dunkel wieder das Licht des neuen Tages durchbricht. Und wie nach dem langen Winter endlich die ersten Schneeglöckchen ihre zarten Knösplein durch den schmelzenden Schnee der zarten Frühlingssonne entgegenrecken, so dürfen auch wir immer wieder neue Hoffnung schöpfen. Das klingt jetzt durchaus spöttisch. Aber ist es nicht ein wenig so? Niemand nimmt Anstoß an einer Osterbotschaft von der hellen Kerze in der finsteren Nacht oder dem Ja zum Leben inmitten von Leid. Oder selbst dem nebulösen „es gibt ein Wiedersehen nach dem Tod“, das so gerne bei Begräbnissen gesprochen wird.
Doch dass dieser Jesus wirklich real, historisch und leiblich von den Toten auferstanden ist, dass sein Grab nachher wirklich leer war, das klingt doch heute nicht weniger herausfordernd als damals.
Und so verwundert es auch nicht, dass die Reaktionen der Augenzeugen des Auferstandenen so ganz anders sind als die Reaktionen der heutigen Hörer der weichgespülten Osterbotschaft. Ostern: eine Botschaft der Hoffnung und der Zuversicht? Nein, Entsetzen, Angst, Unglauben und schließlich ekstatische Freude: so reagierten die ersten Jünger auf die Kunde der Auferstehung. Und befremdlich, anstößig fanden sie auch die Hörer auf dem Areopag. Warum eigentlich?
Nun, ganz einfach weil die damaligen Athener der heutigen Zeit so sehr glichen. Ein jeder hatte seine Theorie. Ein jeder seine Philosophenschule. Seinen Lieblingsgott. Seine Auffassungen. Genau wie wir heute. Jeder irgendwie auf der Suche nach Wahrheit, jeder auf seine Weise ein guter Mensch. Eigentlich die reinste Postmoderne damals.
Und nun kommt einer und verkündet, dass die Suche vorbei ist. Dass Gott genau einen Menschen eingesetzt hat als Richter. Dass Gott ferner genau diesen einen Mann dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten erweckt hat. Und eben hier ist der springende Punkt. Wenn das stimmt, dann ist die Suche vorbei. Wenn das stimmt, dann ist die Debatte vorbei und der Moment der Entscheidung gekommen. Der Moment der Buße, der Umkehr. Der Hinwendung zu diesem Einen. Ja, wenn diese Behauptung wahr ist, dann gilt eben ab sofort nicht ganz treu postmodern und areopagitisch, dass ein jeder nach seiner Facon selig wird. Dass man ja nichts Genaues wisse, denn zurückgekommen sei ja noch keiner. Doch, eben schon. Es stehen eben ab sofort nicht mehr alle Weisheitslehrer, Philosophen und Religionsgründer mehr auf einer Stufe. Denn sie sind alle gestorben und ihre Gräber sind erhalten.
Wenn das wahr ist, dann ist Jesus der Einzige. Dann ist er nicht ein Lehrer, der den rechten Weg weist. Sondern er ist selbst der Weg. Er ist ist keiner, der die Wahrheit verkündet, sondern er selbst ist die Wahrheit. Und er ist nicht nur einer, der vom Leben nach dem Tod spricht, sondern er selbst ist das Leben. Er ist der einzige Weg, die einzige Wahrheit und nur in ihm ist Leben: genau das ist der Anspruch Jesu und genau das ist die Botschaft von Ostern. Kein Wunder, dass die einen entsetzt und die anderen peinlich berührt waren. Denn hier steht ein jeder selbst vor der Entscheidung.
Doch was wäre eigentlich, wenn das wirklich wahr wäre? Und ist es überhaupt war?
Zunächst zur letzteren Frage. Mögliche Einwände gegen die historische, leibliche Auferstehung Jesu aus dem Grab, sind schnell benannt. Es könnte Jesus historisch gar nicht erst gegeben haben. Oder es könnte ihn gegeben haben, doch er starb nicht am Kreuz. Oder er hat das Kreuz überlebt. Oder die Jünger hätten den Leichnam versteckt. Oder das Grab nicht mehr gefunden. Und die Ostererscheinungen seien im Laufe der Geschichte mehr und mehr ausgeschmückte Legenden um die Tatsache herum, dass die Lehre Jesu im Glauben seiner Jünger weiterlebte. „Auferstanden ins Kerygma hinein“: also nicht wirklich, sondern nur weil man sich so warm ums Herz fühlt, wenn man zusammensitzt und Jesuslieder singt.
Doch all diese Theorien erklären nichts. Sie erklären in erster Linie nicht, warum ein Paulus schon ein paar Jahre nach dem historischen Ereignis Stellen wie die oben genannten schreiben kann. Und auf Augenzeugen verweisen kann. Und Lukas auf Fisch, den der Auferstandene mit seinen Jüngern gegessen hat. „Kein Geist hat Fleisch und Knochen wie ihr es bei mir seht“ (Lk 24,39), sagt der Auferstandene. Eben nicht nur ins Kerygma hinein. Und schließlich: hätte sich der christliche Glaube im Land der Augenzeugen zur Zeit der Augenzeugen überhaupt ausbreiten können, wenn die Faktenlage nicht zumindest zutiefst verblüffend gewesen wäre? Und weiter: wären die Apostel und Augenzeugen bereit gewesen, für einen Glauben zu sterben, von dem sie selbst wussten, dass er nur erlogen war?
Wer sorgfältig nachforscht, dem wird jede Alternativtheorie immer schleierhafter: Jesus Christus hat nachweislich historisch gelebt, ist am Kreuz gestorben und nur seine leibhafte Auferstehung erklärt den historischen Befund. Ja, so konkret ist das. Das Christentum gründet tatsächlich nicht auf das warme Gefühl des Trostes nach dem langen Winter, sondern auf die tatsächliche Auferstehung Jesu aus dem Tod.
Nun also zu der zweiten Frage: was wäre, wenn das wirklich wahr wäre? Welchen Unterschied würde es machen? Die einfache Antwort: es würde alles ändern. Der Tod ist die Schwelle und der Horizont des menschlichen Lebens schlechthin. Alle unsere Prioritäten, Planungen und Perspektiven richten sich an ihm aus. Und hier wird sichtbar, was die Auferstehung Jesu so vollständig unterscheidet von allen anderen Berichten von aus dem Tod Zurückgekehrten und den schillernden Nachtoderlebnissen: der Auferstandene stirbt nicht mehr. Er nahm bei der Himmelfahrt seinen menschlichen, verklärten Leib mit und wird im Gegensatz zu allen anderen Sehern und Visionären niemals sterben. Er entkam dem Tod nicht nur, er hat ihn selbst entmachtet: „Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.“ (Offb 1,18). Fünf Schlussfolgerungen leiten sich direkt daraus ab:
1. Wenn Jesus wirklich auferstanden ist, beinhaltet das eine radikale Neubewertung des Lebens, des Leibes und der Materie. Zunächst des Lebens: ja, es gibt ein Leben nach dem Tod. Doch in dieses gelangt nicht jeder kraft einer unsterblichen Menschheitsessenz. Allein Jesus, der Auferstandene, rettet aus dem Tod. Nur er kann auferwecken. Und nur er entscheidet: das Wort von Jesus als Richter ist untrennbar verbunden mit der Botschaft von Jesus als den Auferstandenen. Eine Neubewertung des Leibes und der Materie. Viele Religionen lehren die Befreiung aus dem Gefängnis der Stofflichkeit. Träumen vom Abschied aus dem Verhaftetsein im eigenen Körper. Das Christentum hat den menschlichen Leib immer ernst genommen. Den Kranken muss geholfen werden, Ungeborene dürfen nicht abgetrieben und Siechende nicht getötet werden. Der biblische Umgang mit der Geschlechtlichkeit ist kein Set aus prüden Regeln, sondern entspringt dem Anliegen, dem „Tempel des Heiligen Geistes“ die größtmögliche Würde zuteil werden zu lassen. Ja, nicht nur Jesus ist leibhaftig auferstanden, auch den Christen ist eine leibhaftige (!) Auferstehung zugesagt. Der Himmel ist eben nicht nur transzendente Astralreise, sondern die Fülle und Vollendung dessen, was eben jener Gott erschaffen hat, der sich auch Narzissen, Umarmungen, Rotwein und das Gefühl der warmen Sonne auf der Haut einfallen ließ. Auch unser Leib wird erlöst werden und die Hoffnung, auf die hin jeder Christ lebt und stirbt, ist keine geistliche allein.
2. Wenn Jesus wirklich auferstanden ist, dann ist er, das wurde wohl schon klar, nicht einer unter vielen. Er ruft in die radikale Nachfolge. Er stellt vor eine Entscheidung. Willst Du dem Auferstandenen dein ganzes Leben geben und ihn als Herrn über alles bekennen? Oder willst du in dem Gefängnis und dem ausweglosen Tod jener Scheinrealität bleiben, die die Menschen „das normale Leben“ nennen?
3. Wenn Jesus auferstanden ist, dann ist unsere Hoffnung unerschütterlich. Es ist exakt jene Hoffnung auf die Auferstehung, die die ersten Christen selbst zum Martyrium bereit machte. Und hier hilft tatsächlich nur der Glaube an eine körperliche, reale Auferstehung. Eine vergeistlichte Hoffnungsbotschaft wird in schwerstem Schmerz und Todesleiden nicht wirklich trösten. Ein real auferstandener Heiland aber schon.
4. Wenn Jesus auferstanden ist, dann kann man ihm begegnen. „Halte mich nicht fest“, sagt Jesus zu Maria Magdalena. Doch nicht, um die Berührung mit ihm zu verunmöglichen, sondern um ihr zu zeigen, wie sie ihn in Zukunft wird umarmen können. „Ich bin bei euch alle Tage“ versichert Jesus seinen Jüngern vor der Himmelfahrt. Er meint also genau nicht, dass er ihnen nun ferner sein wird als zur Zeit seines irdischen Lebens. Im Gegenteil: im Glauben wird Jesus persönlich erfahrbar, sogar inniger und beständiger als durch eine Berührung der Hände. Maria, du musst mich nicht festhalten, denn wer glaubt wie du, dem bin ich niemals mehr entrissen. An dieser Stelle klafft ein tiefer Graben zwischen dem, was die Kulturen dieser Welt Meditation oder Gebet nennen und der Art und Weise, wie Christen seit der Auferstehung Gemeinschaft mit Jesus haben. Alle menschlichen Versuche, sich dem Göttlichen zu nähern oder durch Versenkung und Konzentration zur inneren Mitte zu kommen, sind etwas völlig anderes als das. Wenn der Auferstandene durch verschlossene Türen gehen, erscheinen und verschwinden, berührt werden und Mahl halten kann, dann ist die menschliche Realität künftig nicht mehr die gleiche. Auch die „religiöse Realität“ ist vertikal von oben nach unten durchbrochen: der Auferstandene, Lebende begegnet. „Österliches Beten“ und „österliches Verständnis der Sakramente“ im christlichen Sinne sind Pleonasmen. Der Christ betet und feiert die Sakramente eben genau nicht wie eine kultische Übung einer gewissen religiösen Weltsicht. Das Christentum ist keine Weltsicht. Es ist schlicht die Berührung einer Person, die eine andere Realität eröffnet. Und Gebet und Sakrament sind nicht Bewältigung der Welt oder Flucht aus ihr, sondern Erschütterung durch die Präsenz einer ganz anderen. Und hier endet auch all die Rede von der Hoffnung und dem Trost der Osterbotschaft. Freilich, sie gibt Hoffnung und Trost. Doch das ist, so könnte man beinahe sagen, eigentlich nicht der entscheidende Punkt. Inneren Frieden kann so manches schenken. Doch das Evangelium ist nicht wahr, weil es inneren Frieden gibt, tröstet und Hoffnung gibt. Sondern es gibt Frieden mit Gott, Trost und Hoffnung exakt nur deshalb, weil es wahr ist und auf historisch wahren Behauptungen beruht. Und deren zentrale ist: der Tod und die Auferstehung des Gott-Menschen Jesus Christus.
5. Und schließlich, Paulus schließt damit auch seine Osterpredigt: wenn Jesus von den Toten auferstanden ist, dann lebt er heute noch. Und er wird nicht im Himmel bleiben. Der alten Kirche war es völlig klar, dass der Weg von Erde zum Himmel nicht nur einmalig durchbrochen und für die Verstorbenen erschlossen ist. Sondern die Auferstehung ist untrennbar verbunden mit der Botschaft des wiederkommenden Messias. Nicht gerade populär ist heutzutage die Verkündigung der Wiederkunft Jesu. Als Retter und Richter. Und abermals: real, nicht nur „im Herzen der Gläubigen“, sondern sichtbar für alle. Oder wie Paulus es den skeptischen Zuhörern auf dem Areopag zumutet:„Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte.“ (Apg 17,31)
Überaus konkret sind sie, die Auswirkungen wenn Jesus wirklich aus den Toten auferstanden ist. Und wir sind aufgerufen, nicht beim Feiern und beim Erinnern zu bleiben. Wir sind eingeladen in eine österliche Berührung. Und dies kann ganz konkret im persönlichen Gebet geschehen. Trauen wir ihm zu, uns ganz persönlich nahe zu kommen? „Maria“, ruft der Auferstandene die ehemalige Sünderin aus Magdala beim Namen. So ruft er auch uns, bietet auch uns eine persönliche Begegnung an. Eine Begegnung, die da stattfindet, wenn wir glauben. Wenn wir ihn einladen, tatsächlich unser Herr zu sein. Wo wir der Konfrontation nicht ausweichen durch ein „darüber wollen wir dich einandermal hören“, sondern uns ihm stellen. Das hieße österlich Beten, das hieße österlich Glauben.

(Erschienen gestern in der Printausgabe der Tagespost.)