Die Tage dazwischen

Die Tage dazwischen

Es sind interessante Tage im Kirchenjahr, diese letzten Tage der Osterzeit, die auch als „Pfingstnovene“ bekannt sind. Interessant ist auch der biblische Hintergrund. Da fährt Jesus in den Himmel auf und gibt seinen Jüngern den Auftrag, in alle Welt hinaus zu gehen und das Evangelium zu verkündigen. Jesus ist auferstanden, die Sendung ist klar, also kann es losgehen, oder? Jesu Anweisungen sind eigenartig zwiefältig dargestellt bei den Synoptikern: „geht hinaus in alle Welt“ (Mk 16,15) und „bleibt in der Stadt, bis ihr mit Kraft aus der Höhe erfüllt werdet“ (Lk 24,49). Ja wie nun?, so möchte man fragen, gehen oder bleiben? Beides, doch in einer bestimmten Reihenfolge! Die Beauftragung alleine ist noch nicht genug. Nach ihr kommt die Zeit des Wartens und Betens, die Zeit im Obergemach. Einmütig verharren die Jünger in Gemeinschaft mit Maria tagelang im Gebet. Erst dann fällt der Heilige Geist auf sie und erst dann ist die Kraft da. Erst dann geschehen die Wunder und erst dann bekehren sich die Massen.

Es ist ein Gedanke, der an diesen Tagen vor Pfingsten das Potenzial hat, manches von dem zu hinterfragen, das im Namen des Herrn und im Dienst seiner Kirche unternommen wird. Und wie es von statten geht. Denn fast immer steht da am Anfang eine Idee und es folgt die Umsetzung sogleich. Ein Gedanke, ein Plan, ein Auftrag – und sofort die Umsetzung. Aus dem Denken ins Tun stürzen, so könnte man es etwas philosophierend sagen. Uralt ist die Frage, warum die Urkirche so erfolgreich war, sich so rasant ausbreitete. Beim Blick auf heutige kirchliche Verhältnisse ist es beinahe unfassbar. Eine Predigt am Pfingsttag und 3000 Bekehrte. Es scheint fast, als sei das Verhältnis heute umgedreht: dreitausend Predigten für einen Bekehrten. Doch auch den gibt es nicht immer. Nun liegt es diesem Posting fern, in ein paar Zeilen eine komplette Diagnose des Zustandes der westlichen Christenheit zu versuchen. Wenn eine solche aber nur in Ansätzen versucht werden soll, dann wird sie nicht an der ganz offensichtlichen Tatsache vorbeigehen können, dass die westliche Christenheit weitgehend nicht betet. Nicht jedenfalls ernsthaft. Nicht im Sinne der Apostelgeschichte. Apostel, die einen klaren Auftrag haben, aber sich zunächst auf unbestimmte Zeit einschließen, um zu beten – wer könnte sich das heute überhaupt vorstellen? Ein Domkapitel etwa, das über die Neustrukturierung pastoraler Räume spricht und sich danach eine Woche lang zu täglich 8 Stunden Gebet versammelt? Ein Pfarrgemeinderat, der nicht auf eine Klausur fährt, auf der die ganze Zeit diskutiert wird, sondern die ganze Zeit gebetet? Selbst die Vorstellung erscheint doch bizarr. Nun muss man auch nicht gleich solch extreme Bilder zeichnen. Doch die Verwunderung, mit der wir auf sie reagieren, zeigt, wie weit wir von dem entfernt sind, was für die Urkirche völlig normal war, wenn man der Apostelgeschichte glaubt. Ist es ein Zufall, dass uns ihre missionarische Kraft heute ebenso fremd ist? Wohl kaum. Doch wer mit der Kraft Gottes nicht rechnet, der wird sie nicht erfahren. Der wird schlichtweg reduziert sein auf das, was Menschen wissen und schaffen. Die Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten führen so überdeutlich vor Augen: die besten Ideale und die besten Absichten genügen nicht, wenn die Kraft Gottes fehlt. Und diese will erwartet, erbeten werden. Andernfalls ist es einfach nur Papier, Schall und Rauch, das wir produzieren.