Helden gesucht

Helden gesucht

 

Nach dem Film stehen wir noch kurz zusammen. Christopher Nolans neuer Film „Dünkirchen“ ist wirklich monumental. Wie in Bild- und Tongewalt die Angst und das Ausgeliefertsein der Soldaten des von den Deutschen umzingelten britischen Expeditionskorps markerschütternd nah kommen, das allein macht diesen Film zu einem Meisterwerk. Der Heroismus des englischen Bootsmanns, der trotz Lebensgefahr in Richtung Frankreich steuert, der Mut der Piloten der RAF, die den deutschen Kampfbombern nachjagen. Solche Filme kommen halt nicht aus Deutschland, schießt es mir durch den Kopf, als Jeremy und ich uns nachher weiter austauschen. In Deutschland gibt es irgendwie keine Helden, meint er. Keine Figur in der Politik und auch kaum welche in der Geschichte. Jeremy kann das leicht sagen, denn er ist ja Amerikaner. Sehen wir Deutsche amerikanische Filme, empfinden wir sie als zu patriotisch, zu idealisierend, typisch amerikanisch eben. In europäischen Filmen sind die Hauptfiguren ironisch gebrochen, haben ihre Macken, eignen sich eben gerade nicht immer als Vorbild. Entweder saufen sie oder ihre Freundin hat gerade mit ihnen Schluss gemacht. Im Perfekten wittern wir Verdacht und das Heldenhafte scheint uns tatsächlich schwer zu fallen. Woher das kommt, liegt auf der Hand. Wie sollte es auf unserem Kontinent nach zwei Weltkriegen auch leicht fallen, unbeschwert das Bild eines für die gute Sache Kämpfenden zu zeichnen. Und doch ist uns da auch etwas verloren gegangen. In den Sagen der klassischen Kulturen ist ein Held nicht in erster Linie Aggressor. Er ist vielmehr einer, der sich im Schicksal bewährt. Der treu bleibt, der furchtlos ist, der gegen alle Widerstände das Richtige tut, einfach weil es das Richtige ist. Die große Narrative eines Kampfes des Guten gegen das Böse gibt es in Europa nicht mehr. In den USA ist das ganz anders. Doch leidet unsere Gesellschaft nicht auch an einem Mangel an profilierten Persönlichkeiten, die mutig das Gute tun, auch wenn es Widerstände bringt? Wie viele Führungskräfte in Kirche und Politik scheinen gelähmt von der Vorstellung, was die Leute über sie sagen und denken könnten? Doch auch im Kleinen: ist der höchste und einzige Wert im Zusammenleben die Toleranz und das Nettsein oder verstehen wir, dass man manchmal auch bereit sein muss zu kämpfen? Dass es auch Widerstände gegen das Gute gibt? Dass das Mittelmaß, der Kompromiss, die Faulheit und die Entmutigung immer der leichtere Weg sind? Dass es immer Kraft braucht, all dem nicht nachzugeben? Ja, einen geradlinigen Weg zu gehen wird immer etwas kosten. Mitunter wird auch die entschiedene Nachfolge Jesu den Charakter des Heldenhaften annehmen. Wenn es darum geht, der Sünde zu widerstehen, ist dies unvermeidlich. Und so kommt unser Gespräch vor dem Kino wie natürlich zurück ins ganz Persönliche. Es sei gerade dies sein Anliegen in der Arbeit mit Männern, betont Jeremy. Den Helden in ihnen wieder zu wecken. Jeremy hat im Kontext unseres Gebetshauses einen Verein gegründet, der Männern helfen soll, aus dem Gefängnis der Pornosucht auszubrechen. Die Resonanz ist gewaltig, der Bedarf riesig. Ein Kampf um sexuelle Reinheit beginnt mit dem Kampf um die Augen. Er erfordert wahrlich Entschiedenheit. Es sind genau die gleichen Lügen, die Männer in Pornografie verstrickt halten, die einen Menschen auch davon abhalten können, ein Held zu sein. Es täten doch alle anderen genauso. Der Widerstand sei doch vergebens. Es sei doch alles nicht so wichtig. Schließlich ist es das Vorbild anderer Männer, die erzählen, wie sie frei geworden sind von den Pornos, das inspiriert, sich selbst nicht mit weniger als Sieg zufrieden zu geben. Was hier für diesen einen sittlichen Bereich gesagt wird, betrifft letztendlich das ganze Leben. Ja, unser Defizit an Vorbildern und unser Unbehagen mit den Helden sind tatsächlich Symptom eines tiefen Mangels. Die Kirche hat nie aufgehört, die Geschichten ihrer Heiligen und Helden zu erzählen. Wir sollten es aufrechten Hauptes und voller Freude tun.