Liebst du?

Liebst du?

Das Buch Genesis berichtet uns die anrührende Geschichte von Jakob, der für seine Braut Rahel 7 Jahre lang arbeitet. In einem kleinen Nebensatz offenbart sich dabei Tiefes. Die 7 Jahre, so der Bibeltext, seien ihm vorgekommen wie einige wenige Tage, weil er Rahel liebte (Gen 29,20). Dieses Detail könnte man als romantische Übertreibung oder orientalische Ausschmückung überlesen. Beim Nachspüren jedoch wird deutlich, dass hier etwas Entscheidendes gesagt ist. Jakobs Liebe lässt ihn Mühsames leicht ertragen. Ja, sie verändert seine Wahrnehmung, sodass das endlos Lange ihm vergleichsweise kurz erscheint. Hier ist eine tiefe menschliche Wahrheit ausgedrückt: dem Liebenden gehen Dinge leichter von der Hand. Man betrachte einmal die frisch Verliebten! Wie fließen die Zeilen dahin, füllten früher Briefseiten und heute Dutzende von Textnachrichten. Doch auch die Liebe einer Mutter zu ihrem kranken Kind, wie selbstverständlich sind da die Mühen, nachts aufzustehen, Tränen zu trocknen, abzuwarten. Während die Liebe so wichtig ist, ist sie doch auch das, was am leichtesten erkaltet. Aus blühender Romantik ist wie über Nacht ein gewöhnliches Nebeneinander geworden. Auf einmal fehlen die Gesprächsthemen und es wird langweilig. Der ehedem geliebte Beruf ist eine Last, das, wofür ich einmal brannte, tote Routine: alles wird stumpf, wenn die Liebe nicht mehr da ist. All das trifft auch auf das geistliche Leben zu. Dass sie ihre erste Liebe verlassen hätten, das formuliert der Auferstandene durchaus als Kritik an der florierenden Gemeinde von Ephesus (Offb 2,4). Denn auch wenn es noch so leicht ist, das aus dem Blick zu verlieren: es geht Gott tatsächlich ums Herz. Nachfolge Jesu ist ein Beziehungsgeschehen, und wenn die Beziehung nicht mehr intakt ist, dann ist alles andere nur Schall und Rauch. „Liebst du mich?“, fragt Jesus Petrus, der ihn gerade erst verleugnet hat. Um eine Erklärung oder eine Besserungsabsicht scheint es ihm nicht zu gehen. Doch um die Liebe geht es ihm. Die Liebe macht alles leicht und gibt den inneren Sinn zurück. Wie naheliegend ist es, dass der Glaube mühsam werden kann. Wie einladend, auf die Kirche zu schimpfen, auf die böse Gegenwart oder einfach in jene verborgene Herzensroutine zu verfallen, die die kleine Schwester der offenen Lieblosigkeit ist. Und wie klar wird alles wieder, wenn wir an den Ort zurückfinden, den Jakob uns weist: den Ort der Liebe. Aus Liebe zu Jesus und weil wir uns von ihm geliebt wissen, leben wir ein Leben des Glaubens. Und nur daraus her und dafür gibt es eine Kirche. Alles andere ist zweitrangig. Wie nun kommt man zurück zur Liebe und wie ging sie überhaupt verloren? Das sind Fragen, für die es in jeder Situation andere Antworten gibt. Sie überhaupt zu stellen, ist schon der erste Schritt. Wer sich das traut und dann auch mit offenem Herzen auf eine Antwort wartet, wird sie bekommen. Sie zu hören wird vielleicht wehtun. Doch sie ist die einfachste und wichtigste Frage der Gewissenserforschung. Allein schon sie zu stellen, ist ein Bruch mit der selbstgenügsamen Trägheit des erkaltenden Herzens. Wer sucht, der wird finden und wer anklopft, dem wird aufgetan. Die Trauer darüber, dass etwas von der Liebe verloren gegangen ist, hat bereits heilende Wirkung. Die Frage an einen nahen Menschen oder an den Herrn „wie steht es um unsere Liebe?“, führt direkt in die Mitte und zurück an den Ort, an dem das Schwierige leicht wird.