Macht die Wahrheit frei oder die Freiheit wahr?

Macht die Wahrheit frei oder die Freiheit wahr?

Eines der aktuellsten theologischen Bücher, das ich kenne. Frisch erschienen und eine Streitschrift aus der Feder des Bonner Professors für Dogmatik richtet das Buch sich direkt gegen theologische Argumente Magnus Striets und Stephan Goertz. Die dahinter stehende Frage jedoch ist von umfassender Wichtigkeit. Ob Suizid, Scheidung, Abtreibung, Homosexualität oder die Frage nach den nichtchristlichen Religionen: die unterschiedlichen theologischen Sichtweisen verlaufen entlang einer immer gleichen Grundproblematik. Gibt es eine objektive Wahrheit, die den Menschen frei macht? Oder besteht die Freiheit des Menschen gerade darin, dass er autonom seinem Gewissen folgt? Ist Offenbarung etwas Gegebenes oder wird in einem immer neuen Diskursgeschehen ausgehandelt, wer mit welchem Recht was als wahr betrachtet? Die Behauptung einer objektiven Wahrheit, zu der Menschen sich bekehren müssen, gilt für weite Kreise der heutigen Theologie als prämodern, fundamentalistisch und unaufgeklärt. Denn jedes Bekenntnis und jede Bekenntnisgemeinschaft verdanke sich historischer Zufälligkeiten. Und so scheint moderne Theologie nach Striet und Goertz nur solche Theologie sein, die das Reden über den Glauben als freien demokratischen Prozess autonomer Individuen versteht, die je neu aushandeln, was für sie wahr und moralisch vertretbar ist. Dass für Striet die kategoriale Verurteilung des Suizids oder der Abtreibung ebenso fallen wie die Ursündenlehre oder die Notwendigkeit des Kreuzestodes Jesu, ist dann nur konsequent.  

Präzise und gelassen zeigt der Autor die Widersprüchlichkeiten auf, in die eine solche Sicht auf theologische Wahrheit führt. Denn jedes Aushandeln von Wahrheit erfolgt nach bestimmten vorgelagerten Regeln und Interessen. So fällt Menkes Urteil scharf aus: „Wo Theologie in dem Sinne „unabhängig“ sein will, dass sie selbst bestimmt, was wahr ist, bastelt sie sich ihren eigenen Gott. Sobald eine vermeintliche sich selbst (ihrem eigenen Gesetz) treue Freiheit individuell und also plural bestimmen will, was wahr ist, kommt es unweigerlich zur Unterwerfung der Wahrheit unter Zwecke und Interessen.“ (99) (151)Er schlussfolgert: „Wenn das Gewissen die Wahrheit sein will, entzieht es sich dem Gehorsam gegen die Wahrheit.“