Rezension „Einfach nur Jesus? Eine Kritik am Mission Manifest“

Rezension „Einfach nur Jesus? Eine Kritik am Mission Manifest“

In einer Zeit, in der Kirchen schließen und die Mitgliedszahlen der beiden Großkirchen rapide zurückgehen, zeigt „Mission Manifest“ Projekte und Bewegungen auf, die dazu führen, dass heute gerade auch junge Menschen sich in Scharen dem Glauben zuwenden. Missionarische Aufbrüche erblühen im ganzen deutschsprachigen Raum. Darüber könnten Theologen sich eigentlich freuen. Die Freiburger Theologen Magnus Striet und Ursula Nothelle-Wildfeuer haben nun ein Buch herausgebracht, in dem sie Kritik an „Mission Manifest“ üben. 

Zusammenfassung der dort versammelten Argumente: Christen, die zweifeln und sich sozial engagieren, sind gut. Christen, die von geoffenbarter Wahrheit sprechen, diese auch verkündigen und beten, sind verdächtig und wahrscheinlich sogar gefährlich. Man könnte auch sagen: die deutsche Universitätstheologie spricht in Zeiten ihres dramatischen Dahinschwindens sich selbst ein trotziges „weiter so!“ zu.    

Kurz zum Allgemeinen: es handelt sich um ein für den Preis ziemlich dünnes Büchlein, das man schnell durchgelesen hat. Es ist ein theologisches Fachbuch mit Beiträgen von insgesamt acht Autoren. Das Niveau der einzelnen Artikel variiert stark, die wenigen wesentlichen Kritikpunkte wiederholen sich immer wieder. In manchen Artikeln finden sich interessante Fragestellungen, die weitere Diskussion verdienen würden. Andere Beiträge versuchen die Abwesenheit echter Argumente mit emphatischer Verwendung verbaler Empörung zu kaschieren, mitunter ist es auch einfach nur verwunderlich zu lesen, welche Texte Aufnahme in ein theologisches Fachbuch finden. Das Thema hätte eine solidere Kritik verdient. Die besondere Schwäche des Buches ist, dass es zwar behauptet zu wissen, dass die Vorschläge von Mission Manifest garantiert nicht die richtigen sind, doch selbst überhaupt keine eigenen Vorschläge macht.

Der argumentativ gehaltvollste Aufsatz ist jener von Magnus Striet. Er identifiziert die erwecklichen Aufbruchsbewegungen als Selbstversicherung für durch die Moderne Überforderte. Würde das vorliegende Buch auf der MEHR ausgelegt oder im Gebetshaus eines Tages Bert Brecht diskutiert, dann gelte ihm das schon als Wunder. An solche glaubt er ansonsten eher nicht. Striet wittert in den Frommen primär die Dummen, die gerne auf das Denken verzichten oder die Gefährlichen, die heimlich vom Gottesstaat träumen. Er bleibt seinen aus anderen Texten bekannten Aussagen treu: in Anlehnung an Kants Freiheitsbegriff wird das Beharren auf objektiver oder gar geoffenbarter Wahrheit als prämodern gekennzeichnet. Was genau Wahrheit sei, ob es wirklich eine Offenbarung und ob es überhaupt einen Gott gebe, all das ist dem Fundamentaltheologen zwar nicht zweifelsfrei aussagbar, doch bei einem ist er sich ganz sicher: in einer modernen Gesellschaft muss Pluralismuskompetenz bedeuten, sich selbst nicht ganz sicher zu sein. Oder etwas platter formuliert: nur glaubhaft in den Diskurs der Moderne lässt der sich ein, der seinen Wahrheitsanspruch aufgibt. Nun, mit Katholizismus im landläufigen Sinne hat das zwar nicht mehr all zu viel zu tun, doch dass man sich dann auch nicht so recht für Mission Manifest begeistern kann, verwundert weiter nicht. 

Gunda Werner stört, dass in MM die Gegenwart zu negativ gezeichnet werde. Indem die gesamte Gesellschaft als veränderungsbedürftig verstanden wird, folgt die Argumentation des MM „der normativ verstandenen Interpretation der Errettung auf eine Eindeutigkeit in der Religionszugehörigkeit“ hin (31f.). Naja, beim Thema Mission sollte das doch aber nun doch nicht zu sehr verwundern, oder? Mit Verweis auf die Begründerin der Genderstudies Judith Butler warnt die Theologin vor der „Unterwerfung unter Normen“ (33). Nun, im Lichte dieser Argumentation ist jedenfalls verständlich, warum Gunda Werner mit MM wenig anfangen kann. 

Hans-Joachim Höhn stimmt dem Anliegen von MM grundsätzlich zu, ist aber der Meinung, dass heutzutage kein Mensch mehr etwas von „Bekehrung“ oder „Errettung der Seele“ wissen wolle. Moderne Menschen können damit nichts mehr anfangen. Deshalb seien die neuen geistlichen Bewegungen in erster Linie Echokammern Gleichgesinnter, denen eine verständliche Sprache für die heutige Zeit fehlt. Das zahlenmäßige Wachstum eben dieser Bewegungen oder der Freikirchen beim zeitgleichen massiven Absterben der Volkskirche widerspricht natürlich Höhns These. Doch grundsätzlich ist das Finden einer verständlichen Sprache eines der Hauptanliegen von MM.

 

Eine ziemliche Enttäuschung ist der Aufsatz von Ursula Nothelle-Wildfeuer. In dem vor der Veröffentlichung des Buches auf katholisch.de erschienenen Interview hatte sie MM prophylaktisch als sektiererisch bezeichnet hat (immerhin eine kühne Aussage: der Nationaldirektor des päpstlichen Hilfswerks Missio und der Autor des Jugendkatechsimus der Katholischen Kirche: alle Sektierer!). Auf kritische Nachfragen hin hatte sie angekündigt, im Buch die nötigen Argumente nachzureichen. Doch viel mehr Substanz als das besagte Interview hat der Artikel auch nicht. MM wird als „demagogisch“ bezeichnet. Begründung? Weil es im Stil den Freikirchen ähnelt und weil im Text Zitate mit „jeweils kleinen Akzentverschiebung“ (78) verwendet würden. Alles klar, ja doch, da handelt es sich dann tatsächlich und zweifelsfrei erwiesenermaßen um Volksverhetzung. Echt jetzt? Leider findet sich die hier beklagte selektive Lesart und Zitierung besprochener Texte praktisch durch das ganze „Einfach nur Jesus?“-Buch und eben durch Nothelle-Wildfeurs Artikel selbst. Wortreich argumentiert sie gegen „Bekehrungs-Missiologie“ und bewirbt eine „Freiheits- und Zeugnis-Missiologie“, obgleich MM selbst an zahlreichen Stellen das exakt gleiche fördert und im zeugnishaften Textduktus ausführlich dokumentiert. Mit großer Leidenschaft beklagt sie das Fehlen der caritativen Dimension im MM und überliest konsequent all die Stellen im Buch, in denen diese anklingt oder all jene kirchlichen Aufbruchsbewegungen innerhalb MM, die missionarisch und caritativ sind. Die Sorglosigkeit, mit der hier freikirchliche Christen abgewertet und bei weitgehendem Fehlen echter Argumente verbale Schwerstkaliber verschossen werden, macht tatsächlich ratlos. 

Der Höhepunkt der Ratlosigkeit jedoch wird erst durch den folgenden Aufsatz erreicht. Was die Herausgeber zur Aufnahme dieses Textes bewog, bleibt schleierhaft. Darin teilt die Journalistin und Buchautorin Christiane Florin (zuletzt „Weiberaufstand: Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen“) mit, dass ihr der spirituelle Surfer-Sound auf die Nerven geht (99) und sie für den „Jesus-Kennenlern-Tonfall“ zu alt sei (98). In Rainer Maria Kardinal Woelki identifiziert sie messerscharf „eine Art episkopaler Tom Cruise im Mission Possible-Blockbuster“ (99) und wirbt zuletzt für ein „Manifest des Sich-Durchwurschtelns-aber-mit-Haltung. Kurs MDSDAMH“ (103). Nun, dazu passt Florins Text natürlich tatsächlich. Ansonsten leuchtet der argumentative Eigengehalt dieses Artikels nicht unmittelbar ein. 

Auch kein Glanzstück der theologischen Debatte ist der folgende Beitrag der jungen Diplomtheologin Franca Spies. Zur Untermauerung ihrer These, dass es bei MM mehr um die mediale Aufbereitung als um theologisch sinnvolle Inhalte gehe, hat sie sich die Mühe gemacht, drei jeweils 90 Sekunden lange Videos zu analysieren. Ihr Fazit: so kann kein zukunftsfähiges Christentum aussehen, denn „das unhintergehbare Kontingenz- und Freiheitsbewusstsein der Moderne dürfte dem im Wege stehen“ (112). Ob man der Gegenwart nicht etwas zu viel zutraut, wenn man die Moderne als allmächtige und letztgültige Epoche der Menschheit stilisiert, die mit autoritativer Unfehlbarkeit all das hinter sie wirft, was ihrem aktuellen Gusto widerspricht? 

Die beiden Aufsätze von Spielberg und Albert Gerhards schließlich geben sich Mühe, das Anliegen von MM zu verstehen und zu würdigen. Sie bringen valide zusätzliche Gedanken, die aber MM überhaupt nicht widersprechen und letztendlich deshalb dem Untertitel des Sammelbandes kaum gerecht werden.    

Fazit: 

„Kein Buch gegen etwas, was dies auch immer sei, hat jemals Bedeutung; es zählen allein die Bücher „für“ etwas Neues, und die Bücher, die es zu produzieren wissen.“ Mit diesem markigen Satz endet der berühmte Text „Woran erkennt man den Strukturalismus?“ von Gilles Deleuze aus dem Jahre 1967. Kritik ist eine Aufgabe der wissenschaftlichen Theologie. Wo Kritik das kritisierte Phänomen jedoch unterkomplex beachtet, einen kritisierten Text auf unübersehbare Weise durch die Linse der „Hermeneutik des Verdachts“ liest und zugleich lauthals vor Polarisierung, Schwarz-Weiß-Denken und Abwertung warnt, sabotiert sie sich letztlich selbst. Es ist leicht, die Ideen anderer zu kritisieren. Schon schwieriger wird es, wenn diese Ideen ganz offensichtlich besser funktionieren als manch andere. Diese Ideen mit schwachen Argumenten abzulehnen, ohne ihnen auch nur den Ansatz eigener Vorschläge entgegenzusetzen, klingt dann tatsächlich nach Buhrufen von der Seitenlinie. Für ein theologisches Sich-Durchwurschteln-aber-mit-Haltung mag das vielleicht reichen. Andere werden wohl eher sagen: dann lieber einfach nur Jesus.