Und trotzdem: die Lösung heißt nicht „konservativ“

Und trotzdem: die Lösung heißt nicht „konservativ“

…und erst Recht nicht Fundamentalismus. Manche werden sich gefreut haben über meinen Richard-Rohr-Artikel. Mein Schmerz, ihm als Lehrer nicht mehr vertrauen zu können, wie ich es einmal tat, resultiert aber aus der Tatsache, dass ich viele seiner Ansätze für so wichtig halte. Er stellt genau die richtigen Fragen. An kleinen, aber entscheidenden Weichenstellungen nimmt er Abzweigungen, die für mich unvereinbar sind mit dem Kernbestand der christlichen Botschaft. Doch wer meint, ich hielte ein platt konservatives „Weiter-So“ oder gar Abschottung für die Lösung, den muss ich enttäuschen. Ein Artikel, der vor einer Tendenz warnt, zeichnet fast notgedrungen überwiegend diese eine Seite. Davon nehme ich auch nichts zurück. Zum ganzen Bild gehört aber mehr. Hier ein paar Gedanken pro Richard Rohr, pro Eckart Tolle, pro Postmoderne, pro Ken Wilber und gegen die Wagenburg:

  1. Ja zu „spirituell, nicht religiös“

Natürlich verabschieden sich sehr viele Menschen von fest gefassten Religionen und finden anderswo Spiritualität in größerer Weite. Und sorry, wenn man die Christen manchmal so sieht, kann man das auch gut verstehen. Tatsächlich kann man so gut wie jede Biographie gut verstehen, wenn man sich erst einmal die Mühe macht… Viele Leute haben in ihrem Elternhaus oder ihrer Gemeinde religiöse Enge erlebt, wie ich das früher nie für möglich gehalten hatte. (Vielleicht auch, weil meine Eltern als freigeistige 68er selbst erst eher spät zum intensiveren Glauben gekommen sind.) Angstbesetztes, leistungsorientiertes, konformistisches Christentum ist entsetzlich. Natürlich brauchen wir – dringend! – einen Shift des Christentums hin zu viel mehr authentischer und gelebter Spiritualität. Und weil das Christentum natürlich auch ein spiritueller Pfad ist, ergibt sich wie natürlich ein Dialog mit Menschen, die auf anderen Pfaden unterwegs sind. Diesen Leuten fühle ich mich manchmal näher als starren, bürgerlichen Regelchristen…

2. Nein zu Dialogverweigerung

In der eigenen Echokammer lebt es sich freilich ungestört. Doch würde ein landläufiger Besucher etwa einer Esoterikmesse oder Mitglied des Yoga-Zentrums ein paar Straßen weiter überhaupt verstehen, was ich glaube? Hätte ich Wortschatz dafür? Mir persönlich gefällt die Sprache der „neuen Spirituellen“ wie Rohr oder Tolle. Sie ist pragmatisch und dennoch geheimnisvoll. So viel christliche Predigt bleibt dagegen nur im Kopf oder wird nicht konkret. Hier gibt es viel zu lernen. Ein Christ, der in den letzten 3 Monaten nicht mindestens ein tiefgehendes, respektvolles Gespräch mit einem Menschen hatte, der etwas komplett anderes glaubt, ist in Gefahr, seine Dialogfähigkeit zu verlieren.

3. Ja zum Kennenlernen anderer Weltanschauungen

So viele Christen sind so angstbesetzt! Was wäre denn eigentlich das Problem, wenn sich herausstellen würde, dass Buddhisten, Hinduisten, Existenzialisten oder systemische Therapeuten Aspekte der christlichen Botschaft ganz ähnlich sehen? Mich begeistert der vorurteilslose Blick, mit dem Rohr zum Beispiel auf den Zen blickt. Wer von uns hat sich denn bisher die Mühe gemacht, alternative Weltanschauungen mit einem verstehen-wollenden, interessierten Blick kennen zu lernen? Das Eigene muss man deswegen nicht nur nicht aufgeben, es zeichnet sich umso konturierter ab. Bei mir persönlich hat gerade die vertiefte Beschäftigung mit dem Buddhismus dazu geführt, die christliche Erlösungslehre noch klarer als deutlich verschieden davon zu erkennen. Diese Unterscheidung vermisse ich bei Richard Rohr, daher auch meine Kritik, seine Bereitschaft zum Dialog aber finde ich bewundernswert.

4. Ja zur mystischen Relecture

Die Bibel ist ein geheimnisvolles Buch. Gerade in Rohrs frühen Schriften finden sich wahrlich verblüffend neu gelesene Textpassagen. Die Bibel ist kein Telefonbuch, das einfach nur Informationen enthält. Sie ist eine Welt. Mitunter widerspüchlich. Nicht immer ist Steinbruchexegese hilfreich, die aus einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Versen ganze Systeme baut. Die narrative Gesamtstruktur, die geheimnisvollen Zwischentöne, die ganze in Jesus gipfelnde Story erschließt sich nur im spannungsreichen Gesamt Wort Gottes.

5. Ja zu einer integrierten Spiritualität

Es gibt keinen Grund, Erkenntnisse der Psychologie aus dem Glaubensleben auszuklammern. Ich finde großartig, wie Richard Rohr die überaus wertvollen Traditionen der „12-Schritte-Programme“ in sein Denken integriert hat. Den Primat der Aktion – von ihm so treffend in das Sprichwort versammelt „Man denkt sich nicht in eine neue Lebensweise hinein, sondern lebt sich in eine neue Denkweise ein“ – brauchen wir dringender als manche verkaufte Theorie. Unser Leben spricht unserer Theologie oft Hohn. Wir brauchen eine Positivbewertung des Leibes, der sozialen Aktion, der Psychologie, der Kultur: all das darf an der Umgestaltung teilhaben, die Jesus angestoßen hat. Es geht eben nicht nur um das Leben im Jenseits, sondern um ein transformiertes Leben im Hier und Jetzt. (Dieser holistische Blick ist auch bei Ken Wilber faszinierend.)

6. Nein zu einem Primat der Gesetze

Natürlich geht es um das Ganzwerden. Um die Umgestaltung. Nicht um Perfektion. Das wissen die „Anonymen Alkoholiker“ oft besser als die Christen. Und Richard Rohr erinnert uns daran. Auch Religion kann Ersatz werden für einen echten Weg der Veränderung. Dieser Weg beinhaltet natürlich auch notwendige Schritte der Nachfolge. Doch diese speist sich aus einer Herz-Zu-Herz-Beziehung mit dem Erlöser. Es ist ein Jammer, wie wenige Menschen überhaupt schon einmal gehört haben, dass es Gott mehr um das Herz geht, als um Regelerfüllung. Auf die Bedeutung tiefgreifender Verwandlung des Herzens weist Richard Rohr immer wieder hin: völlig zu Recht. Wir Christen glauben, dass diese Verwandlung durch die Realität des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu Christi gewirkt wird.

7. Ja zum Mysterium

Nein, man muss nicht alles verstehen. Und ja, die Dreifaltigkeit bleibt ein Geheimnis. Ja, es gibt auch einen kosmischen Christus. Auch darin hat Richard Rohr in vielem Recht! Natürlich ist hier auf das reiche Erbe der christlichen Mystik zu verweisen. „Gott ist größer als unser Verstehen“ ist praktisch das Credo von Johannes Tauler über „Die Wolke des Nichtwissen“, von Johannes vom Kreuz über Teresa von Avila bis zum Starez Siluan. Dass die christliche Mystik bei allem Mysterium treu bei der Schift und dem überlieferten Glauben der Kirche bleibt, hat sie in den letzten 2000 Jahren nicht begrenzt, sondern ihr Fruchtbarkeit und innere Tiefe verliehen.

Fazit: das Erbe christlicher Spiritualität ist reich. Es braucht weder den Vergleich noch den Dialog mit anderen Religionen zu scheuen. Der Anspruch Jesu freilich bleibt unangefochten: er ist der Lehrer, er ist nicht nur der Wegweiser, sondern selbst der Weg. Er kündet nicht nur die Wahrheit, er selbst ist es. Wer in ihm bleibt – und das geht nicht an seinem geoffenbarten und im Glauben der Kirche treu überlieferten Wort vorbei – der hat das Leben. Wo dieser Glaube empathisch, lebensbejahend, ganzheitlich, spirituell tief, freudig, intellektuell redlich und geisterfüllt gelebt wird, wird er von unglaublicher Ansteckungskraft sein, ohne Indoktrination, Angst oder Enge. In Jesus ist diese Weite. Eine Weite, die nicht der theologischen Unschärfe oder Verwässerung bedarf, weil sie sich nicht aus Religion speist, sondern der realen Begegnung mit einer realen, auferstandenen Person: ihm, der die Mitte und das Ziel ist.