Von schöner Architektur

Von schöner Architektur

Notre Dame in Paris. Der Kölner Dom. Die sixtinische Kapelle. Unter den 100 meist besuchten Touristenattraktionen Europas sind wahrscheinlich über die Hälfte Kirchen. In allen kunstgeschichtlichen Epochen wurden für sakrale Bauten und Gegenstände die jeweils schönsten Ausdrucksformen gesucht. In diesem Jahr feiert das Bauhaus 100. Geburtstag. Seine maßgeblich in Deutschland entwickelte Formsprache reduzierte Ästhetik auf Funktionalität. Der Siegeszug der modernen Architektur begann. Die Kirchen aller Konfessionen waren erstaunlich anfällig für die blockige Betonoptik und die trostlose Nüchternheit, die in den 60er und 70er Jahren ganze Innenstädte in Plattenbauwüsten verwandelte. Wo es bei den Großkirchen noch historische Gebäude und kunstgeschichtlich gebildete Sachverständige gab, setzte sich bei den Freikirchen nicht selten reiner Funktionalismus oder ästhetischer Wildwuchs durch. Nicht immer ist das dem Geld geschuldet, denn das Schönere ist nicht immer das Teurere. Warum genau der Sinn für die Schönheit auch so vielen Christen abhanden gekommen ist, ist eine Frage, die tieferes Nachdenken verdient. Doch fest steht, dass etwas verloren gegangen ist. Und fest steht auch, dass die jüngeren Generationen tendenziell mehr an Ästhetik und Design interessiert sind, als es noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Selbstverständlich sind sehr viele Menschen bereit, für ein Appleprodukt bedeutend mehr Geld auszugeben, obwohl die technischen Daten ganz ähnlich sind wie bei der Konkurrenz. Ein MacBook sieht aber einfach eleganter aus als ein kastenförmiger Windows-Laptop. Was hat all das mit dem neuen GebetshausZentrum zu tun? Als wir vor 11 Jahren den ersten kleinen Gebetsraum einrichteten, waren Besucher erstaunt über den Wert, den wir damals schon auf Design und liebevolle Gestaltung legten. Denn tatsächlich hat Schönheit viel mit Liebe zu tun: Verliebte beschenken sich mit schönen Dingen. Mich befremdet die Kälte und Nüchternheit vieler Gemeindehäuser und kirchlicher Räume. Die Form ist immer auch eine Aussage über den Inhalt. Warum eigentlich sieht das neue israelische Restaurant am Münchner Hauptbahnhof gemütlich, fröhlich, originell und freundlich aus und das neu gebaute, sicherlich nicht billigere, katholische Gemeindezentrum in unseren Stadtteil kühl, steril und leblos? Auch Räume haben eine Botschaft. Im Gebetshaus geht es um Gebet. Gebet jedoch ist die lebendige, ja intime Begegnung mit dem Gott, dessen erste aufgeschriebene Tat die Erschaffung des Lichts war. Der Gott, der kreativ ist, der Farben, Tiere und Klänge erschaffen hat. In Gott ist Fülle. In ihm gibt es das Geheimnisvolle. In ihm ist Verspieltes und Lustiges. Bei ihm kann man sich zuhause fühlen. All diese Elemente kommen in der Gestaltung des Gebetshauses zum Ausdruck: an manchen Orten möchte man einfach mit Freunden „abhängen“. Andere Orte ziehen förmlich ins Gebet und in die Stille. An manchen Stellen muss man laut loslachen. Andere laden ein, zweimal hinzuschauen, sich Zeit für die Betrachtung zu nehmen. Viele Besucher melden uns zurück, dass das Gebetshaus ein Ort ist, wo man Gottes Geist spürt. Viele sagen auch, dass es ein kreativer Ort ist, an dem die neuen Ideen sprudeln. Und dass Herzlichkeit und Wärme spürbar sind. All das kommt von und ist in Gott. Wenn wir als Christen etwas für Gott und die Menschen tun, dann ist das Wie immer mindestens so wichtig wie das Was. Und wenn das Wie von Gegenwart des Heiligen Geistes erzählt, von Kreativität und von herzlicher Annahme: dann ist tatsächlich etwas vom Reich Gottes spürbar. Warum sollte man das nicht auch in der Architektur sehen?